
Grave Digger: Bone Collector. Bild verwendet mit freundlicher Genehmigung von All-Noir/Rock of Angels Records.
Die Power-Metal-Urgesteine Grave Digger haben ein neues Album veröffentlicht: Bone Collector heißt das inzwischen 23. Studioalbum der Band. Das Album wurde schon an anderen Orten rezensiert, darum soll es hier nicht um die Musik gehen.
Mir geht es um einen beunruhigenden Trend, der sich seit einiger Zeit in der Metalszene beobachten lässt und für den das obige Plattencover von Grave Digger exemplarisch stehen soll: Es geht (natürlich) um die Verwendung von KI für die Illustrationen von Alben.
Dass bei dem Cover von Grave Digger KI zumindest unterstützend tätig war, wird niemand leugnen können: Das Skelett links unten verwächst auf eigenartige Weise mit dem Grabstein hinter ihm, das links von dem thronenden Sensenmann streckt ein eigenartiges Flügel-Arm-Hybrid in die Luft. Dass einer der Raben links gleichzeitig ein Ast sein könnte, mag als Stilmittel und Kunstgriff durchgehen, genauso die offenbar mit Zweigen verwachsenen Krallen des Raben über ihm, aber was ist mit der linken Hand des Sensenmannes und insbesondere der Stelle, an der er die Sense anfasst? Fehler und Ungenauigkeiten dieser Art sind jedem vertraut, der mit der Bilderstellung mittels KI experimentiert hat.
Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, und man guckt, wo man sparen kann. Das ist verständlich, und ich möchte diesen Beitrag auch nicht als Angriff gegen Grave Digger, ihr Label oder irgendeine andere Band, die ihre CDs mit KI illustriert, verstanden wissen. Grave Digger habe ich deswegen ausgewählt, weil es sich bei ihnen um eine bekannte Band handelt, die schon sehr lange aktiv ist.
Wenn selbst eine so bekannte Band, die mit dem Wacken Open Air mehrmals auf dem größten Metal-Festival der Welt aufgetreten ist, auf KI zurückgreift, ist das kein gutes Zeichen. Kunst in jeglicher Form wird durch den Einsatz von KI entwertet: Es entsteht der Eindruck, dass Bilder, Texte und auch Musik sofort und kostenlos zur Verfügung zu stehen hätten, maßgeschneidert auf die Anforderungen des „Nutzers“ oder „Konsumenten“. Dass die von den Maschinen ausgespuckten „Produkte“ tatsächlich nur das sind, unrunde, fehlerhafte und ungenügende Akkumulationen von Daten, interessiert offenbar nicht mehr – schnell und billig, lautet die Devise. Angesichts dessen sollte man eigentlich Solidarität zwischen Künstlern erwarten, die praktisch alle (Bildhauer und vielleicht auch Performance-Künstler werden folgen) von den seelenlosen Produkten der KI betroffen sind – wenn schon nicht aus Sorge um die Zukunft der Kunst, so doch wenigstens aus reinem finanziellen Selbsterhaltungstrieb.
Heute sind es Plattencover, die von Algorithmen zusammengestoppelt werden und „gut genug“ aussehen. Morgen sind es vielleicht ganze Power-Metal-Alben. Auch die werden nicht wirklich gut sein, aber eben „gut genug“. Auf Streamingportalen lassen sich ohne große Mühe zahlreiche Beispiele für KI-generierte Musik finden. Langweilig und austauschbar, natürlich, aber das scheint kein Hindernis mehr zu sein. Es reicht ja.
Es ist an der Zeit, dass Künstler und Rezipienten von Kunst sich darüber klar werden, was sie von der Zukunft möchten. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, und auf absehbare Zeit wird die KI-Problematik eher größer denn kleiner. Jedoch sollte jeder sich fragen, ob ihm etwas, das „gut genug“ ist, reicht, um seine Lebenszeit damit zu verbringen.